Einweg für Popcorn statt Einfalt

Liebe Kinofans,

ab 1. Januar werden auf Wunsch einer knappen Mehrheit im Gemeinderat der Stadt Freiburg Einwegverpackungen für Speisen und Getränke besteuert. Das gilt nicht nur für Take Away, auch wenn die Kampagne stark auf die in der Tat ärgerlichen Müllberge im öffentlichen Raum zugeschnitten war, das gilt auch für Speisen und Getränke, die an Ort und Stelle verzehrt werden – also auch für Ihr Popcorn, das Sie im Kinosessel verzehren. Die Tüten werden von uns auf unsere Kosten entsorgt. Nun sollen wir, wenn wir nicht auf Mehrwegverpackungen umsteigen, noch ein zweites Mal zahlen: 50 Cent pro Tüte. Ob Mehrweggeschirr bei Popcorn überhaupt möglich und sinnvoll ist, stand vermutlich nicht zur Debatte; es soll ja, um jeden Preis, Müll vermieden werden.

Müll vermeiden, wo es geht – unbedingt! Das wird darum von uns seit eh und je so praktiziert: mit Gläsern und Tassen für Getränke und da, wo es keinen Wasseranschluss für eine Spülmaschine gibt – nämlich im Friedrichsbau und im Kandelhof! – mit Mehrwegflaschen aus Glas. Aber wie schon Schiller wusste: „Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit / Leicht beieinander wohnen die Gedanken / Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“

Das gilt auch für die Verpackung von Popcorn; denn Tüten aus Papier kann man falten – Gefäße aus Edelstahl, Porzellan oder gar Kunststoff leider nicht. Den Tagesvorrat an unbeschichteten (!) Tüten für einen besucherstarken Samstag verstaut man locker im Eck einer Schublade – aber wo sollen wir im engen Foyer des Friedrichsbaus über 100 ausladende Schüsseln für kleines, mittleres und großes Popcorn griffbereit hinstellen? Selbst in der Harmonie, wo es deutlich mehr Platz gibt, wären 250 Schüsseln nicht da unterzubringen, wo man sie braucht: nämlich an der Theke, nicht im Keller oder unterm Dach. Und Sie dürfen gerne raten, wie viele L-Schüsseln in unsere dortige Spülmaschine passen würden – und wie viele Spülgänge sich daraus ergeben…

Mit Interesse haben wir die um Unterstützung bemühten Planungen der Verwaltung für eine zentrale Spüllogistik zur Kenntnis genommen. Dass eine zweimalige Abholung pro Woche bei Speiseresten nicht zielführend ist, wurde erkannt. Wo wir die schmutzigen Gefäße eines ganzen Wochenendes unterbringen sollen, ist mir dennoch schleierhaft. Sicher ist nur: bei den Heerscharen von Mäusen in der Altstadt-Unterwelt würden die Sektkorken knallen. Sicher ist auch: Kommt zum Pro-Stück-Energie- und Wasseraufwand fürs Spülen auch noch der Energieaufwand für die Transporte hinzu, schmilzt der Abstand zum Pro-Stück-Energie- und Wasseraufwand für die Papierherstellung dahin wie der Schnee auf den Straßen von Freiburg. Wobei vom Energieaufwand ja noch - nach mehrfachem Recycling - am Ende des Lebenszyklus der Energiegewinn bei der thermischen Verwertung von Papiermüll abzuziehen ist; und der Rohstoff, der durch die Papier-Müllvermeidung „geschont“ werden soll, ein im Schwarzwald und anderen Forsten planmäßig nachwachsender namens Baum ist, der CO2 bindet!

Kurzum: für die Entscheidung des Gemeinderats fehlt uns jedwedes Verständnis. Als Unternehmer, die rechnen können, und als Bürger, die sich das auch von der Politik wünschen würden, sind wir der Überzeugung, dass die grundsätzlich knappen Mittel auch im Umweltschutz immer da einzusetzen sind, wo sie den größten Nutzen bringen. Darum haben wir in den letzten 18 Monaten über eine Million Euro ausgegeben, um den Friedrichsbau mit einer modernen Lüftung mit Wärmerückgewinnung und einen Projektor nach dem anderen mit Laser- statt Halogenlampen auszurüsten, wo-durch sich der Energieaufwand für Heizen und Projektion halbiert. Die dadurch erzielten Einsparungen an Energie und CO2 übertreffen die äußerst fraglichen Einsparungen durch den Umstieg von Einweg- auf Mehrwegverpackungen für Popcorn um Größenordnungen – so es sie überhaupt gibt und nicht im Gegenteil Einweg-Papier die bessere Wahl ist, vgl. "Nützliche Links"! 

Dogmatische Symbolpolitik zu unseren Lasten möchten wir nicht unterstützen. Wir werden daher die kommunale Verpackungssteuer von 50 Cent pro Tüte ab 1. Januar auf den Popcornpreis aufschlagen und hoffen auf Ihr Verständnis. Beschlossen haben die Strafsteuer die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, Eine Stadt für Alle, Kultur/Inklusion, Freiburg Lebenswert und F4U. Vielleicht möchten Sie das bei den nächsten Wahlen in Ihre Entscheidung einfließen lassen?

 

Nützliche Links - Für evidenzbasierte Politik statt Dogmatisierung

Fakten zum ökologischen Vorteil von Einweg-Papierverpackungen beim Verzehr in Schnellrestaurants gegenüber Mehrweg-Geschirr:

https://eppa-eu.org/lca-studies-new/

"The updated report reveals that, considering the baseline average EU scenario, reusable tableware generates 2.8 times more CO2-equivalent emissions than the paper-based single-use system, consumes 3.4 times more freshwater, produces 2.2 times more fine particulate matter, increases fossil and metal resource depletion by 3.4 times, and increases terrestrial acidification by 1.7 times."

Executive Summary: https://eppa-eu.org/wp-content/uploads/2023/07/Ramboll-LCA-Updated-Executive-Summary.pdf

Full Study: https://eppa-eu.org/wp-content/uploads/2023/06/LCA-In-Store-Sudy-Ramboll.pdf

Nicht überraschend wurde das Studiendesign der Fraunhofer Cluster of Circular Plastics Economy (CCPE) - Metastudie über kunststoffbasierte Mehrwegsysteme von 2022 im Auftrag der Stiftung Initiative Mehrweg so gewählt, dass man die unwillkommenen Ergebnisse der Ramboll-Studie von  2020 totschweigen konnte - nicht einmal im 20seitigen Verzeichnis der ausgewerteten Studien findet sie Erwähnung...

Von besonderem Interesse ist die Studie "Mehrweg in der Takeaway-Gastronomie" von S. Kleinhückelkotten, D. Behrendt & H.-P. Neitzke, 2. überarbeitete Fassung, Bugewitz 2022, angefertig vom ECOLOG-Institut im Rahmen des Projekts "Klimaschutz is(s)t Mehrweg", Download hier: https://esseninmehrweg.de/wp-content/uploads/2022/09/Studie_Mehrweg-Takeaway-Gastronomie_2022.pdf : 

Mit Blick auf den Treibhauseffekt wird dort auf Seite 19 (vgl. Tabelle 3/1 auf S. 20) eine wesentliche Erkenntnis einer im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführten Studie zur ökologischen Bedeutung von Einweggetränkebechern so wiedergegeben: "Ein Mehrwegbecher aus Polypropylen muss mindestens 59-mal eingesetzt werden, um in Bezug auf den Effekt 'Globale Erwärmung' gleich oder besser abzuschneiden als der Papierbecher, im Vergleich mit dem Polystyrol-Becher reichen sechs Umläufe." In der auf Seite 4 vorangestellten Zusammenfassung liest man dagegen überrascht: "In Bezug auf die Emissionen von Treibhausgasen reichen in der Regel 10 bis 15 Nutzungen einer Mehrwegverpackung aus, um gegenüber der Einwegverpackung aus Kunststoff oder Aluminium eine positive Bilanz zu erreichen." Ich denke, man tritt den Autoren der Studie nicht zu nahe, wenn man diese Art der Zusammenfassung als irreführend bezeichnet - zumal auch das Fazit auf Seite 55 in die gleiche Kerbe schlägt: "In Bezug auf die Emissionen von Treibhausgasen reichen in der Regel 10 bis 15 Nutzungen einer Mehrwegverpackung aus, um gegenüber der Einwegverpackung aus Kunststoff oder Aluminium eine positive Bilanz zu erreichen."  Beide Male wird der der Mehrweglobby nicht genehme Vergleich mit Einwegverpackungen aus Papier unterschlagen!

Der Grund liegt auf der Hand: eine ökologische Nutzenschwelle für den Mehrwegbecher von 59 Umläufen gegenüber Einwegbechern aus Papier liegt so hoch, dass die Nutzenschwelle für Mehrweg in der Praxis nicht erreicht wird. Selbst bei bepfandeten Mehrweg-Glasflaschen im Gebinde gleich Kasten zirkuliert die Flasche je nach Getränkeart nur zwischen 5 und höchstens 50 Mal und bleibt damit unter der Nutzenschwelle. Das gilt erst recht für Flaschen oder eben Becher, die nicht im Gebinde abgegeben werden, wie im Take-Away üblich: Bei Individual-Flaschen etc sinkt die Zahl der Umläufe und nähert sich dem Minimalwert an.

 

Fakten zur Papierherstellung:

ipv-verpackung.de/2019/10/18/sind-papiertueten-wirklich-schaedlich-fuer-die-umwelt-faktencheck-rund-um-die-papiertragetaschen/